Wettbewerbsbeiträge

Ab und an reiche ich kurze Beiträge zu Schreibwettbewerben ein, in erster Linie bei der Büchereule. Ab sofort werde ich diese Beiträge im Nachgang auch hier veröffentlichen, wobei die neuesten Beiträge immer oben stehen. Die Links geben Dir eine Übersicht und führen Dich direkt zu den einzelnen Geschichten.


Totenwache - Wachentod

Diese Geschichte war mein Beitrag zum Büchereulen-Schreibwettbewerb im Herbst 2019. Das Stichwort hatte ich ja nach dem Gewinn des Sommerwettbewerbs vorgeben dürfen, es lautete Wache. Ausgesucht habe ich es übrigens nach dem Zufallsprinzip, indem ich nacheinander eins meiner Bücher, darin eine Seite und dann ein Wort ausgewürfelt habe.

Die Platzierung im Wettbewerb ist nicht abschließend geklärt, weil an der Spitze drei Beiträge dicht beisammen waren und eine Wertung nicht durchgekommen ist. Letztlich wurde dem Vorschlag eines Mitglieds der Orga-Gruppe nicht widersprochen, die nachträglich eingereichte Bewertung in die Tabelle aufzunehmen, sodass Totenwache - Wachentod vom dritten auf den ersten Platz gesprungen ist, die Auswahl eines neuen Stichworts für den nächsten Wettbewerb aber jener Autorin zu überlassen, die ohne die letzte Wertung gewonnen hätte.

 

Pharao Therthes hatte die Priester rufen lassen. Padris, der Hohepriester, und zwei andere riefen nun gemeinsam alle bekannten Gottheiten um ihren Beistand an.

Doch die Mühe würde vergebens sein. Tuthoxep, seit frühester Jugend Freund und engster Vertrauter des Pharaos und sein wichtigster Diener, hatte viele Menschen gesehen, die das Fieber befallen hatte, und keinem davon hatten sich die Gottheiten gnädig erwiesen. Vielleicht würde der Pharao noch einmal die Sonne aufgehen sehen, mehr durfte er sich nicht mehr erhoffen.

Tuthoxep wusste, was von ihm erwartet wurde: an der Seite seines Freundes zu bleiben und anschließend die Totenwache zu halten. Das bedeutete nichts anderes, als dass er mitgehen würde in die andere Welt, denn natürlich würde man dem Pharao seine wichtigsten Vertrauten mitgeben.

Seine Gedanken kreisten wie wild, während er sich mit schnellen Schritten dem Palast näherte. Unter einem Vorwand war er weggegangen, als er begriffen hatte, was den Pharao niedergeworfen hatte, um seine Frau mit den beiden Söhnen wegzuschicken. Sie sollten in den Süden reisen, wo niemand sie kannte, und er hoffte, sie dort wiederzutreffen.

Er bezweifelte nicht, dass Hohepriester Padris die Tradition auch mit Gewalt durchsetzen würde, wenn es sein musste. Trotzdem wollte er Therthes nicht den letzten Gefallen verweigern, den er ihm tun konnte, und ihn so lange wie möglich begleiten am Ende seiner Zeit in dieser Welt. Es kam darauf an, den richtigen Zeitpunkt nicht zu verpassen, wenn der Hohepriester nach dem Tod des Pharaos das festgelegte Zeremoniell begann, würde er keine Gelegenheit mehr bekommen, zu fliehen.

Manchmal schalt er sich in Gedanken einen Feigling, dass er sich noch nicht bereit fühlte, in die andere Welt zu gehen. Doch würde Therthes überhaupt einen Diener brauchen in der anderen Welt? Tuthoxep hatte einmal im Auftrag des Pharaos einen Grabraub untersucht, bei dem die Räuber nicht einmal davor zurückgeschreckt waren, den inneren Sarkophag zu öffnen, und seitdem zweifelte er. Wenn der Verstorbene seinen Körper in der anderen Welt benötigte, wie konnte der Körper dann unversehrt im Sarkophag liegen? Wie konnte dann alles, was dem Toten mitgegeben worden und für die Räuber nicht von Wert gewesen war, in der Kammer geblieben sein? Vielleicht, sagte Tuthoxep sich, würde Therthes sich sogar freuen, wenn sie sich später in der anderen Welt wiedersahen und er berichten konnte, was nach seinem Übergang in dieser Welt geschehen war?

Im Palast angekommen, stieß er in der Halle vor dem Schlafgemach des Pharaos mit einem Beamten zusammen. „Tuthoxep!“, seufzte der Mann. „Ich wurde gerade geschickt, dich zu suchen. Hohepriester Padris lässt dir ausrichten, dass...“ Er verstummte, offensichtlich wollte er Tuthoxep, um dessen enges Verhältnis zum Pharao er wusste, die Todesnachricht möglichst schonend überbringen und suchte vergeblich nach den richtigen Worten. Doch Tuthoxep verstand auch so. „Danke“, sagte er schlicht.

Er tat so, als wollte er weitergehen zum Schlafgemach, wo die Priester auf ihn warteten, aber in Wirklichkeit wollte er nur genug Abstand zu dem Beamten gewinnen. Auf halber Strecke wandte er sich nach rechts und erreichte mit wenigen schnellen Schritten ein Fenster. Er wusste, dass es reichlich zwei Manneslängen waren bis zum gepflasterten Hof; wenn es unglücklich lief, würde er in wenigen Augenblicken in der anderen Welt mit dem Pharao vereint sein. Oder er verletzte sich so schwer, dass die Wachen ihn nur noch aufzulesen brauchten. Doch es war der einzige Weg, der vielleicht zurück in diese Welt führte. Begleitet vom erschrockenen Aufschrei des Beamten sprang er.


Was wirklich zählt

Auch diese Geschichte entstand im Zuge des Schreibwettbewerbs der Büchereule. Vorgegeben für den Wettbewerb, der im Juli und August 2019 stattfand, war das Stichwort Liebe. Aufgrund diverser Umstellungen in der Organisation des Forums, die mich auch ins Orga-Team gespült haben, gab es diesmal leider nur vier Beiträge. Was wirklich zählt hat unter diesen Einsendungen recht deutlich den ersten Platz belegt. Deshalb darf ich auch das Stichwort für die nächste Wettbewerbsrunde vorgeben, deren Gewinner im November gekürt wird: Wache.

 

Das Handy piepte, als Lissy gerade unter der Dusche stand. Egal, kein Grund zur Eile. Das war bestimmt Sandra, die wissen wollte, wie es gelaufen, war, das konnte auch noch ein paar Minuten warten.

„Und, hat sich’s gelohnt?“ „Hat“, schrieb Lissy zurück. „100 €.“ „Nicht schlecht!“, kam postwendend die Antwort. Lissy hatte Bekannten ihrer Eltern geholfen, die mit ihrem neuen Haus auch einen offenbar seit Jahren nicht mehr gepflegten Garten gekauft hatten, und die Leute hatten die Arbeit wirklich großzügig bezahlt.

Eine halbe Minute später klingelte das Handy. „Und?“, wollte Sandra wissen; offenbar dauerte ihr die Schreiberei zu lange. „Was machst du mit dem Geld? Nächste Woche auf die Party?“ „Nee.“ Lissy schüttelte den Kopf. „Ich hab’s Mama gegeben.“ „Was?“ Unwillkürlich hielt Lissy das Handy vom Ohr weg. „Wieso das? Da hast du doch für geschuftet! Und die Party – Luke ist bestimmt auch da!“ Sandra wusste, dass er für Lissy ein guter Grund gewesen wäre, auf die Give-Rhythm-a-Try-Party zu gehen, die am kommenden Wochenende in der Stadt stattfinden würde. Luke war im Jahrgang über ihr, würde also in wenigen Wochen Abi machen, und ja, er gefiel ihr. Aber die Party würde 22 Euro Eintritt kosten, und was trinken würde sie ja auch wollen, da würde die Hälfte des Geldes, das sie heute verdient hatte, gleich wieder weg sein.

„Du weißt doch, bei uns kommt gerade alles zusammen“, versuchte sie Sandra zu erklären. „Das Auto muss repariert werden, sonst kommt Papa nicht zur Arbeit, die Waschmaschine ist auch hin, und Mama war letztens krank, da fehlt das Geld von zwei Wochen.“ Ihre Mutter arbeitete aushilfsweise als Schreibkraft, ein Minijob ohne Lohnfortzahlung bei Krankheit. „Von den 100 Euro können sie den größten Teil von Nickys Klassenfahrt bezahlen.“ Nicky war ihre kleine Schwester, sie ging in die fünfte Klasse und freute sich wahnsinnig auf die Klassenfahrt in die Eifel, die demnächst anstand. Sie würde am Boden zerstört sein, wenn sie nicht mitkonnte, und das zu verhindern war Lissy wichtiger als eine Party. Mit Luke konnte sie auch bei einer anderen Gelegenheit ins Gespräch kommen.

 

***

 

Natürlich erzählte Sandra ausführlich von der Party. Es tat schon weh, das zu hören und sich dabei auszumalen, wie der Abend hätte verlaufen können, wenn sie hingegangen wäre. Aber mal ganz ehrlich, es hätte so laufen können, aber auch ganz anders, und wenn es einen Beweis gab, dass sie richtig gehandelt hatte, dann Nickys Freude, als die ganze Familie sie am Morgen der Klassenfahrt zum Bus brachte. Dass Lissy ihr die Klassenfahrt fast allein finanziert hatte, wusste sie nicht, und Lissy würde es ihr auch nicht verraten.

„Hoppla!“, sagte plötzlich jemand neben ihr. „Ich wusste gar nicht, dass du auch eine Schwester in der Fünften hast!“ Luke! Was machte der denn hier? Obwohl, er hatte es ja gerade gesagt. „Doch, da vorne“, antwortete sie, obwohl er das vermutlich gesehen hatte. „Und die, mit der sie da rumblödelt, ist meine“, antwortete Luke. „Dann bist du also die tolle große Schwester, von der ich die beiden immer reden höre.“ Bei seinem Lächeln wurde Lissy ganz warm, und sie konnte nicht verhindern, dass sie feuerrot wurde.


Verkleiden geht immer

Diese Geschichte war als Beitrag für den Schreibwettbewerb der Büchereule im Dezember 2018 gedacht. Aus nicht geklärten Gründen ist die E-Mail, mit der ich den Beitrag eingereicht habe, in den Weiten des Internets verschollen, was ich erst gesehen habe, als die Beiträge veröffentlicht wurden. Daher ist die Veröffentlichung hier die Erstveröffentlichung. Das vorgegebene Stichwort war "zeitlos".

 

Eigentlich hab ich Tante Thekla kaum gekannt. Genau genommen hat sie wohl niemand aus der Familie richtig gekannt. Sie war eine Schwester meines Großvaters, der schon lange nicht mehr lebt. Sie hatte keine Kinder, und meine Mutter ist die einzige Nichte. Deshalb ist ihr auch die Aufgabe zugefallen, jetzt, wo Tante Thekla gestorben ist, die Wohnung aufzulösen. Ein Mammutprojekt, wenn man nicht alles unbesehen in den Container schmeißen will, und dabei hat Tante Thekla gar nicht mal übermäßig viel Zeug gehortet.

Mama ist dankbar für jede Hilfe, und genau deshalb hab ich mir heute meine beste Freundin gegriffen, um Sachen zu sortieren. Aktuell ist der üppig gefüllte Kleiderschrank dran; da wird eine ordentliche Fuhre zur Kleiderkammer gehen.

Es fühlt sich komisch an, wenn man daran denkt, dass die Sachen vor gar nicht allzu langer Zeit von einem Menschen getragen wurden, der jetzt nicht mehr da ist. Ein bisschen komme ich mir vor wie ein Eindringling. Trotzdem kann ich mir nicht verkneifen, mir ein weinrotes Kleid anzuhalten und mir dazu ein buntes Tuch um den Hals zu legen. „Wie seh ich aus?“

Nicky stutzt kurz, dann pfeift sie anerkennend und lacht. „Wenn du noch einen Strohhut aufsetzt, dann wie eine Dame beim Sonntagsspaziergang in den Zwanzigern“, behauptet sie.

Einen Strohhut hab ich sogar gesehen, irgendwo oben im Schrank. Während ich ihn herauskrame und meine Kostümierung vervollständige, greift Nicky sich eine geblümte Bluse. „Und?“ „Total 68!“

Plötzlich sind wir wieder sieben und feiern ein wildes Kostümfest. Damals haben wir das so oft gemacht, mindestens einmal die Woche. Wir wechseln von einer Verkleidung in die andere, posieren und machen ohne Ende Fotos. Ob Tante Thekla was dagegen hätte, dass wir das mit ihren Sachen machen? Ich glaube nicht, eigentlich müsste ihr doch gefallen, dass wir nicht einfach alles achtlos in die mitgebrachten Säcke stopfen, und ein paar hübsche Teile finden auf diese Weise sogar ohne Umweg über die Kleiderkammer einen neuen Liebhaber.

„Das darfst du echt keinem erzählen!“, behauptet Nicky irgendwann. „Die halten uns ja für komplett bescheuert!“ Dann winkt sie ab und lacht. „Egal, verkleiden geht immer, oder?“


S.O.S. durch die Zeit

Diese Geschichte entstand für den Schreibwettbewerb der Büchereule im September 2018. Als Stichwort war "Parallelwelten" vorgegeben.

 

„Mayday, Mayday!“ Johannes schrie die Worte ins Funkgerät. Fast vergaß er in seiner Panik, Namen und Position des Schiffes zu funken. „O mein Gott, beeilt euch!“

Warum antwortete denn niemand? Es war die erste Fahrt des jungen Funkers, und wenn nicht schnell Hilfe kam, würde es auch seine letzte sein. Der kleine Frachter Lisabelle trieb hilflos in der Nordsee, die Maschine war ausgefallen, das Ruder reagierte nicht mehr. Und der Sturm wurde immer schlimmer! Das Deck war schon geneigt unter Johannes‘ Füßen, und wenn der Wind das Schiff quer zu den Wellen drehte, dann war es nur eine Frage von Minuten, höchstens, bis es kenterte.

 

***

 

„Mayday, Mayday!“ Jakob zuckte zusammen, als die verzweifelten Rufe aus dem Lautsprecher seines Funkgeräts kamen. Das Gerät war uralt, sein Großvater hatte als junger Mann damit gefunkt, und vor ein paar Tagen hatte Jakob seinen Vater endlich überredet, dass er es vom Dachboden holen und ausprobieren durfte, ob es noch funktionierte. Bisher hatte er nicht mehr als ein paar unverständliche Wortfetzen gehört, aber der Notruf war klar und so laut, dass es fast wehtat in den Ohren.

Hastig griff Jakob nach Zettel und Stift, um den Namen des Schiffs und seine Position zu notieren. Und jetzt? Den Notruf wählen? 112? Nein, besser die Seenotrettung! Er googelte die Nummer, tippte sie hastig ins Handy. Der Ruf ging durch, und eine sonore Männerstimme fragte, was los war. Jakob sprudelte alles hervor, schnell und ungeordnet. „Lisabelle sagst du?“, vergewisserte sich der Mann von der Rettung und gab auch die Koordinaten wieder, die Jakob genannt hatte. „Ja, ja!“, rief Jakob. „Beeilen Sie sich doch! Vielleicht ist das Schiff schon gekentert!“

Er hörte, wie am anderen Ende der Leitung eine Tastatur klapperte. „Wusste doch, dass ich den Namen schon mal gehört hab!“, meldete der Mann sich dann wieder. „Die Lisabelle ist im Sturm gesunken – 1968! Ein älterer Kollege hat mir vor Jahren davon erzählt. Sei froh, dass ich den Rettungskreuzer nicht rausgeschickt hab, sonst würd’s richtig teuer für dich! Hast du eine Ahnung, was so ein Einsatz kostet?“

 

***

 

Jakob wusste es nicht, und es interessierte ihn auch nicht. Warum glaubte der Mann ihm nicht? Er hatte den Funkruf doch genau gehört!

Aber das Internet gab dem Mann von der Rettung recht: Die Lisabelle war schon vor 50 Jahren gesunken, sogar auf den Tag genau. Nirgends war ein Notruf eingegangen, die Welt hatte erst von dem Untergang erfahren, als die Besatzung es geschafft hatte, mit dem Rettungsboot an Land zu kommen.

Jakob überlegte. Hatte sein Funkgerät den Notruf damals empfangen und irgendwie gespeichert? Er besah sich das Gerät genau, aber er fand weder ein Tonband, noch einen Wiedergabeknopf.

 

***

 

Er grübelte noch, als er schon im Bett lag. Schon halb im Einschlafen kam ihm eine verrückte Idee: Gab es eine Parallelwelt, die diese durchdrang? Eine Parallelwelt, in der es erst 1968 war und die Besatzung der Lisabelle gerade um ihr Leben kämpfte?