Januar 2021
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978-3753403816

 

Ein­kaufen für ihre Tante, die sich das Bein ge­brochen hat, und ein biss­chen auf­räumen: Das hätte Lina locker allein ge­schafft. Und klar, Tante Ba­bette meint es nur gut, dass sie ihr das nicht kom­plett auf­drücken will. Aber muss es aus­ge­rechnet Jannis sein? Lina war eigent­lich bisher sehr ein­ver­standen damit, dass sie nur flüch­tig mit ihm zu tun hatte...

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Autorenplauderei: Vorurteile

Vor­urteile sind so alt wie die Mensch­heit, und sie waren über­lebens­wichtig. Wer in der Stein­zeit einem Raub­tier be­geg­nete, der tat gut daran, erst mal davon aus­zu­gehen, dass das Tier Hunger hat. Wenn nicht, dann blieb hinter­her keine Zeit mehr, den Irr­tum zu be­reuen. Dass schon die ersten Augen­blicke das Bild prägen, das wir von einem anderen Men­schen haben, ist also natür­lich. Wichtig ist, dass wir uns dieser Tat­sache be­wusst und bereit sind, unser Bild auch zu revi­dieren.

Außer Atem hetzte Lina die Straße entlang, bog um die Ecke und sprintete weiter. Das dritte Haus auf der linken Seite war ihr Ziel, sie erreichte den Eingang und bremste den Schwung mit einer Hand an der Wand. Nach der richtigen Klingel brauchte sie nicht lange zu suchen, sie presste den Daumen darauf und richtete sich auf eine Wartezeit ein.

Selbst wenn ihre Tante Babette wollte, sie konnte sich nicht beeilen, und das war genau der Grund, warum Lina hier war. Ihre Tante – eigentlich Großtante, aber so wurde sie nicht angeredet – hatte sich vor ein paar Tagen das Bein gebrochen und war jetzt auf Hilfe angewiesen. Sie wohnte allein, und ihren Sohn aus einer Ehe, die schon vor Linas Geburt geschieden worden war, hatte es beruflich nach Süddeutschland verschlagen. Auch sonst lebte die Verwandtschaft ziemlich verstreut, nur ihr Neffe, Linas Vater, war in der Stadt geblieben.

Es lag also auf der Hand, wen Tante Babette um Unterstützung bat, solange sie selbst außer Gefecht gesetzt war. Allerdings musste Linas Vater arbeiten, und auch Linas Mutter konnte sich nicht freimachen. Deshalb hatten sie Lina gebeten, ihre Großtante zu unterstützen. Es war nicht so, dass Lina etwas dagegen gehabt hätte, sie mochte Tante Babette, aber sie war für den Nachmittag auch schon verabredet gewesen. Daher hatte sie es eilig, sie hoffte, dass sie es noch zu ihrer Verabredung schaffte oder sie nur wenig verschieben musste.

Zu ihrer Überraschung wurde der Summer fast sofort gedrückt. So schnell konnte Tante Babette doch kaum auf die Füße gekommen und auf ihren Krücken zur Tür gehumpelt sein! War das Zufall, und sie war sowieso gerade in der Nähe der Tür gewesen? Oder hatte sie sogar auf Lina gewartet, eben damit Lina nicht so lange vor dem Haus stehen musste?

Lina drückte die Tür auf, stürmte ins Haus und die Treppe hinauf. Den Fahrstuhl, den es gab, ignorierte sie, sie hatte keine Geduld, zu warten, bis er kam, obwohl Tante Babette im vierten Stock wohnte, direkt unter dem Dach.

Keuchend nahm sie die letzten Stufen, immer zwei auf einmal, und erreichte den Treppenabsatz vor der Dachgeschosswohnung. Dann blieb sie stehen, als wäre sie vor eine unsichtbare Mauer gerannt, denn in der Wohnungstür stand nicht etwa ihre Tante, sondern ein Junge, den sie hier bestimmt nicht zu sehen erwartet hatte.

Jannis ging auf die gleiche Schule wie sie, war aber schon in der Neunten, also ein Jahr über ihr. Außerdem spielte er Basketball im gleichen Verein, in dem sie turnte. Direkt miteinander zu tun hatten sie nicht, aber ab und an über ein paar Ecken. Jannis war mit dem einen oder anderen Klassenkameraden von Lina befreundet, einer davon war auch in der gleichen Basketballmannschaft, und aus irgendwelchen Gründen war er auch da gewesen, als Linas Klassenkameradin und zweitbeste Freundin Mareike ihren letzten Geburtstag gefeiert hatte.

Lina kannte ihn also nur flüchtig, aber sie verspürte auch kein Verlangen, ihn besser kennenzulernen. Ihr Eindruck von ihm war nicht gut, sie hielt ihn für ungehobelt und unzuverlässig. Warum sie das über ihn dachte, hätte sie selbst nicht sagen können; wenn sie ehrlich war, musste sie zugeben, dass sie das eigentlich gar nicht einschätzen konnte.